August 10, 2007

Åsa Larsson: Der schwarze Steg

"Auszug aus dem Krankenbericht, 12. September 2003, betr. Patientin Rebecka Martinsson. Kontaktursache: Pat. Wurde ins Krankenhaus von Kiruna eingeliefert, mit Gesichtsverletzungen nach Sturz und Schlag auf den Kopf. Befindet sich bei Einweisung in akutem psychotischem Zustand. Chirurgische Behandlung der Gesichtsverletzungen notwendig, weshalb Pat. In Narkose versetzt wurde. Bei Erwachen weiterhin floride psychotische Symptome vorhanden. Entscheidung zur Zwangseinweisung gemäß § 3 Gesundheitsgesetzgebung. Überführung in die psychiatrische Abteilung des St. –Görans-Krankenhauses in Stockholm, geschlossene Abteilung. Vorl. Diagnose: Psychose INA. Behandlung: Risperdal mix 8 mg/Tag sowie Sobril 50 mg / Tag."
Mit diesen Worten beginnt der dritte der Kriminalromane der schwedischen Autorin Åsa Larsson nach ihrem Krimidebüt "Sonnensturm", welcher als bestes schwedisches Krimidebüt 2003 ausgezeichnet worden war und "Weisse Nacht", für welchen sie den schwedischen Krimipreis 2004 erhielt. Auch in dem dritten Buch "Der schwarze Steg" spielt die Handlung in Kiruna. Die Wirtschaftsanwältin Rebecka Martinsson findet 2003 nach dem letzten Fall in "Weisse Nacht" zunächst nicht wieder in ihr normales Leben zurück, findet sich vielmehr suizidgefährdet und zwangseingewiesen in der psychiatrischen Abteilung des Göran-Krankenhauses in Stockholm wieder. Schrittweise und eher unfreiwillig muss sie lernen, von dort wieder in ihren Alltag und aus der Klinik zurückzukehren. Die bisherige Tätigkeit als erfolgreiche Anwältin der Stockholmer Kanzlei ist für sie undenkbar. Der Fund einer ermordeten Frau nahe ihrer Geburtsstadt stellt die Weichen für ihren Wechsel zur Staatsanwaltschaft in Kiruna. Der zuständige Oberstaatsanwalt Alf Björnfot verwendet sich ohne ihr Wissen bei seiner Vorgesetzten dafür, Rebecka bei der Staatsanwaltschaft einzustellen und überzeugt sie, den Fall anzunehmen und sich damit wieder ihren Fähigkeiten zu stellen. Sie zieht von Stockholm nach Kiruna in das alte Haus ihrer Großmutter. Auch hier scheint ein weiteres Rätsel zu bestehen, die Gründe, warum Rebecka nie mehr nach Kiruna kommen wollte. Mit dem Offenlassen von Dingen aus der Lebensgeschichte Rebeckas spürt der Leser bereits wie in den vorangegangenen Büchern, dass auch hier noch ein Spannungsfaden gespannt bleibt, wie die Frage, was eigentlich mit ihren Eltern damals geschehen war.

Die Rückkehr nach Kiruna scheint auch ein Versuch, nicht nur nach den Geschehnissen des vorangegangenen Bandes das innere Gleichgewicht wieder zu finden, sondern sich nun auch, in der eigenen Krise, sich auch dieser Vergangenheit zu stellen, während die Ermittlungen um den Mordfall sie beschäftigen. Das teuer gekleidete Opfer, das in einer Fischerhütte aufgefunden wird, ist bald identifiziert. Es handelt sich um Inna Wattrang. eine leitende Angestellte bei Kallis Mining, einer weltweit erfolgreichen Grubengesellschaft. Ihr Gründer Mauri Kallis kam aus ärmsten Verhältnissen und verdankte seinen wirtschaftlichen Aufstieg der Lust am Spekulieren und einem Geschwisterpaar aus verarmtem Hochadel und deren besten Beziehungen: Inna und Diddi Wattrang.
Bei den Ermittlungen begegnet der Leser neben Rebecka auch erneut den beiden Kommissaren Anna-Maria Mella und
Sven-Erik Stålnacke. Während der Oberstaatsanwalt Rebecka mit dem Argument für die Abteilung durchzusetzen vermag, dass sie die für den Fall erforderlichen wirtschaftsjuristischen Kompetenzen besitze, zeigt die weitere Handlung im Zentrum der Hochfinanz jedoch, dass die Hauptspannung auch in diesem Band wieder in den Personen und in ihren Beziehungen zueinander geführt und fokussiert wird. Zu diesen gehören auch die - teilweise etwas lang erscheinenden - Passagen über Ester und die seherischen Fähigkeiten dieser jüngeren Schwester des Unternehmers Kallis. Mit ihren Schilderungen der Kindheit bei samischen Pflegeeltern, rätselhaften Ahnungen des Mädchens spielt gelegentlich nordische Mystik in das Handlungsgeschehen an diesem Ort, der 300 km nördlich des Polarkreises liegt.
Bei den Beschreibungen des Ortes, der auch Geburtsort der Autorin ist, spürt man die Vertrautheit und Verbundenheit mit ihrer Heimat, obgleich diese inzwischen in Stockholm lebt, sehr intensiv. Die klare, nüchterne Sprache in kurzen Sätzen ist zudem ein angenehmer Gegenpol zu den einfühlsamen und nachvollziehbaren Beschreibungen der emotionalen Verflechtungen der handelnden Personen. Der klare Stil mit kurzen Sätzen ist auch der Grund, warum man trotz mancher sehr langer und verschlungener Handlungsstränge den Faden nicht verliert, sondern gespannt weiterliest, um am Ende zur Lösung zu gelangen.

Was mir an den Büchern von Larsson gefällt, sind neben der fein gesponnenen Kriminalhandlung ihre in wenigen Worten präzise geführten Skizzen menschlichen Verhaltens und Miteinanders. Wie sie beispielsweise - gleichsam mit wenigen Kohlestrichen auf Papier - mit wenigen Worten und zurückgenommener Szenerie in der Unterhaltung zwischen dem Oberstaatsanwalt und dessen Vorgesetzter die Haltung Aussenstehender und der Gesellschaft, des Umfeldes auf die Krise eines Menschen beschreibt. Ebenso den Umgang Rebeckas selbst mit dem "Herausfallen" aus ihrem privaten und beruflichem Umfeld parallel zu der Unsicherheit der anderen - wie etwas ihres Chefs - angesichts des scheinbaren "Versagens" und Nicht-Umgehen-Könnens der Anwältin mit einer eigentlich jeden überfordernden Situation. Die Isolation, in die sie selbst geraten ist und die Isolation, die ein Mensch in einer Gesellschaft erfährt, in der Leistung und "Normal Funktionieren" Standard ist -- und zu sein hat. Aber auch die übrigen Protagonisten zeigen Profile, bei denen man durch den nunmehrigen dritten Krimi bereits neugierig ist, welche weitere Entwicklung diese nehmen werden.

Erfreulicherweise hat die Autorin, deren Bücher nicht nur in Finnland, Norwegen, Holland, Italien, Dänemark und England sondern auch in Deutschland erscheinen und Bestsellerlevel belegen, bereits drei weitere Kriminalromane mit den beteiligten Protagonisten angekündigt.

Auf die Kanne Tee an kalten Winterabenden für die äussere angenehme Atmosphäre zur Lektüre eines weiteren skandinavischen Krimis kann man sich bereits freuen, aber auch die derzeit kühlen Sommertage sind bestens dafür geeignet.


Als nächstes Buch auf dem Sofatischchen zur Lektüre und Rezension liegt bereits Martha Grimes' "Die Treppe zum Meer"...............und noch ein paar andere kleine kriminelle Gelüste, dazu aber dann zu gegebener Zeit.



Währenddessen aber steigt bereits die Vorfreude auf ein Buch, auf das ich bereits wieder mehr als 1 Jahr warte. Vielleicht habe ich Glück und es ist rechtzeitig zu meinem Geburtstag da ? Die einzige Autorin, bei der ich - seit ich sie 1990 zufällig entdeckte - definitiv nie warten kann, bis auch die Taschenbuchausgaben auf dem Markt sind und ich "den neusten Lynley" zu fassen bekomme. Und das will etwas heissen - denn bei meinem Lesetempo lohnt sich rein ökonomisch betrachtet nur die Investition in Taschenbücher, denn auch von diesen trenne ich mich ja ungern, sondern belasse ihnen einen Stammplatz in meiner Bibliothek. Gebundene Ausgaben habe ich - als Studentin mit kargestem Budget waren gekaufte anstelle entliehener Bücher ja schon "Luxus" und solche Gewohnheiten legt man nur zögerlich ab - daher lange Zeit eher selten angeschafft. Vernunft ging da vor. Bei den Büchern von Elizabeth George war das nicht mehr durchzuhalten - zu gross die Vorfreude und die neugier darauf. Einige Jahre lang erschien der jeweils neueste "George" immer Ende Juli / Anfang August und damit gerade noch rechtzeitig, bevor ich die Koffer und Bücherkiste für die 2-3 Wochen Eremiten-Luxus-Ferienzeit im "Blauen Land" packte. Meist brauchte ich dann mehr Platz für die Lesefutterkiste, als für Klamotten, wenn das Auto für dieses kleine Paradies mit Blick vom Berghang über den See und hinüber in die Berge gefüllt wurde, wo mich kein Telefon störte und die Tage himmlisch frei für alles waren, was man mit Wandern, Baden auf einer der romatnischen und einsamen Seeinseln, Radtouren, Fotografieren oder einfach mit den Barfüsselchen in taufeuchten und duftendenden Klee- und Kräuterwiesen spazierend und die Seele baumeln lassend geniessen wollte. Bis zum Kaminfeuer am Abend, wenn es im Werdenfelser Land manchmal schon ein wenig frisch wird und ein guter Krimi beim Windlicht, Kaminfeuer und einem wunderschönen Brunello di Montepulciano Urlaubstage erholsam wie kaum etwas anderes ausklingen lassen. Dann gehörten einige Neuerscheinungen immer dazu, aber der erste war immer der neueste "George". 1994 wäre beim ersten Toskana-Urlaub dieser schöne Plan fast gescheitert, weil der neueste George sich verzögerte...Tag für Tag pilgerte ich in meine Lieblingsbuchhandlung, bis die Buchhändlerin schon lachte, wenn sie mich kommen sah und nur den Kopf schüttelte. Am letzten Tag vor der Abreise nach Siena tigerte ich - nachdem ich mittags schon in der Buchhandlung gewesen war und gehört hatte, er käme sicher nicht mehr vor meiner Abreise, abends kurz vor Ladenschluss noch in meine zweite Lieblingsbuchhandlung.... er war da ! Erst da konnte morgends um 5 Uhr die Fahrt nach Siena beginnen.... nunja....nachdem ich noch eine Kündigung persönlich in den Briefkasten des Mieters hatte zustellen lassen, die noch am letzten Vorurlaubstag in der Kanzlei gefertigt werden hatte müssen und fristgerechter Zustellung bedurfte. Dann aber begann der Urlaub für 3 Wochen Toskana mit einem Seufzer der Erleichterung ....und dem neuesten "George" im Kofferraum in der berüchtigten Urlaubsbücherkiste.....
In diesem Jahr habe ich von vorneherein meine freien Tage anders geplant ....jetzt kann er kommen.... am besten zum Geburtstag *smyle* (vielleicht klappt DAS ja ? ) : Elizabeth George's "Am Ende war die Tat".






1 Kommentar:

Lara hat gesagt…

War diese Rezension für Sie hilfreich?
Yepp, exzellent, mag ich lesen!:)